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RHEINAU: Tötungsdelikt z.N. von Karl-Heinz Welsche (1981)

Der Fall Welsche

Karl-Heinz Welsche aus Rheinau eilt 1981 zu einem vermeintlichen Notfall. In der Nacht seiner Entführung wird er erschossen. 
Foto: privat/polizei

Ein Arzt aus der Ortenau wird entführt und ermordet. In Rheinfelden verschwindet ein Rentner, seine Leiche wird Wochen später an ein Flusswehr geschwemmt. Eine junge Frau will von einer Lörracher Disco nach Hause, sie kommt nie an. Bis heute wissen nur die Täter, warum diese Menschen sterben mussten. Doch es wird weiter ermittelt, denn Mord verjährt nicht.

Es ist einer der verworrensten Fälle in der Region: der Mord an dem Arzt Karl-Heinz Welsche vor 27 Jahren. Es gab reichlich Anhaltspunkte, Ungereimtheiten, Aufsehen. 

Die Täter sind bis heute nicht gefunden. Doch noch immer gehen bei der Polizei Hinweise ein. "Aktuell wieder einer", sagt Hans-Jürgen Klinger. Um was es dabei geht, sagt der Leiter des Dezernats für Kapitaldelikte bei der Kripo Offenburg nicht. "Eine Spur, die damals schon abgearbeitet wurde", meint er nur, während er durch einen Ordner blättert. Die Ermittlungsakten im Fall Welsche füllen acht Regal-Meter. Unzählige Seiten altes Durchschlagpapier wurden eng mit Schreibmaschine beschrieben.

4. August 1981:

Spätabends klingelt in Rheinau bei Karl-Heinz Welsche das Telefon. Eine Frau sei auf einem Rheinschiff in der Nähe schwer erkrankt. Der Allgemeinmediziner fährt los. Der Notfall war vorgetäuscht. Am folgenden Morgen der nächste Anruf. Ein Unbekannter fordert 500 000 Mark Lösegeld. Welsches Ehefrau, die noch in der Nacht die Polizei eingeschaltet hatte, fährt mit dem Geld zu einem Treffpunkt. Sie soll weitere Anweisungen erhalten, doch die Entführer haben keine hinterlegt. Am 11. August – Karl-Heinz Welsches 43. Geburtstag – appelliert seine Frau im ZDF an die Entführer. "Am selben Abend bekommt sie einen Anruf von den Tätern: Ihr Mann sei tot", erzählt Klinger.

Zwei Tage später wird seine Leiche gefunden. Im Kofferraum seines Wagens, der mit gestohlenem Kennzeichen beim Frankfurter Bahnhof abgestellt war. Die Untersuchungen ergaben, dass Welsche bereits in der Entführungsnacht erschossen worden war. "Es haben sich dann eine Reihe Spuren aufgetan", sagt Klinger.

Ein zufälliges Opfer?

Da war zum Beispiel eine Patronenhülse, die aus einer spanischen Pistole abgefeuert worden sein musste. Da war ein Mercedes, der in der Entführungsnacht aufgefallen war. "Letztendlich kam nichts dabei raus – wie eigentlich überall", sagt Klinger. Nicht bei der Suche nach ähnlichen Fällen in Deutschland, nicht bei der Stimme des Anrufers. Aufnahmen wurden im Radio und in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" ausgestrahlt. Die Hinweise, die daraufhin eingingen, halfen nicht weiter; ebenso wenig die Analysen von diversen Sprachexperten, die die Herkunft des Anrufers eingrenzen sollten: Alemannisch hörten einige heraus, vielleicht auch Französisch oder Niederländisch. Und dann war da noch Welsches Vorgeschichte: Der Arzt und seine Frau stammten aus der DDR. Sie waren Anfang der 70er Jahre wegen Kontakts zu Fluchthelfern verhaftet und verurteilt worden, kamen durch eine Amnestie vorzeitig frei und in den Westen. Das Bundeskriminalamt untersuchte diesen Ansatzpunkt, schloss aber politische Gründe für den Mord aus, sagt Klinger: "Das war das Ende dieser Spur." Der Offenburger Kripo hat sie keine Ruhe gelassen. Mitte der 90er habe man Stasi-Unterlagen eingesehen und nach dem Namen Welsche gesucht. "Da war nix." Nicht die geringsten Anhaltspunkte gab es für Mord aus Eifersucht, aus Rache oder um einen Zeugen zu beseitigen. Bleibt erpresserischer Menschenraub mit tödlichem Ausgang – und die Sache mit dem anderen Anruf.

In Rheinau waren drei Ärzte im Telefonbuch eingetragen. An erster Stelle stand Gisela Lasetzky. Auch sie wurde telefonisch um Hilfe gebeten, doch die 67-Jährige lehnte nächtliche Einsätze grundsätzlich ab. Wollten die Täter mit dem Anruf eine falsche Fährte legen? 

Oder war Welsche, dessen Nummer an zweiter Stelle stand, ein Zufallsopfer? 
Die Entführer glaubten vielleicht einfach, bei Ärzten sei etwas zu holen. Zu dieser These passt, dass Gisela Lasetzky bedroht wurde. Einmal rief zweifelsfrei der Entführer an. 
Ein andermal wurde ihr in einem Brief die Schuld an Welsches Tod gegeben, was sie mit 
500 000 Mark "büßen" müsse. Auch hier führen die Spuren zu nichts.

Nach all den Jahren wird es nicht wahrscheinlicher, dass der Mordfall Welsche aufgeklärt wird. Doch er lässt nicht nur den Ermittlern keine Ruhe. Hans-Jürgen Klinger hat diesen neuen Hinweis zur alten Spur. "Die roll’ ich jetzt nochmal auf."

Kommentare

  1. Hier würde ich die Stasi-Akten noch einmal ansehen. In den 90er waren die BSTU-Akten noch nicht so aufgearbeitet wie heute und es kam damals auch zur Unterdrückung von Akten durch die Mitarbeiter der BSTU, die ja selbst von der Stasi waren und zum Teil dort auch noch arbeiten.
    Die Bedrohung der anderen Ärztin könnte dabei nur ein Ablenkungsmanöver gewesen sein.

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  2. Interessant ist auch folgender Zusammenhang:
    Ende Juli 1981 wurde der Fluchthelfer Wolfgang Welsch von einem Stasi IM in Israel vergiftet. Dies ist inzwischen juritisch aufgearbeitet und im Buch "Der Stich des Skorpions" niedergeschrieben. Der Fall Welsche war dann Anfang August 1981.
    Liegt die Vermutung nahe das die Stasi die Fluchthelfer alphabetisch "abgearbeitet" hat.
    Zur Politischen Situation: in dieser Zeit war der ganze Ostblock poilitsch instabil; in Polen herrschte Kriegsrecht. Was bedeutet, das solche Dienste stark unter Druck standen, ihr Soll im Kampf gegen den Klassenfeind zu erfüllen.

    Im E-Book "Cold War Leaks" des Heise Verlages ist zudem nachzulesen,
    a) die Stasi in dieser Zeit sich Fluchthelfer im Besonderen vorgenommen hat.
    b) das die Kommunikation des BGS in dieser Zeit schon komplett von der Stasi abgehört wurde. Und der BGS ist sehr wahrscheinlich mit von der Partie gewesen, da die Entführung am Rhein statt gefunden hat.

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