Mittwoch, 26. Februar 2014

GÖTTINGEN: Tötungsdelikt z .N. von Monika Körtke (1991)

Wer tötete Monika Körtke?

Noch immer Zeugen gesucht


Mittwoch, der 31. Juli 1991: Es sind Sommerferien, ruhig und besinnlich geht es in der altehrwürdigen Universitätsstadt Göttingen zu. Es ist Urlaubszeit, auch die Studenten haben Semesterferien, die Daheimgebliebenen freuen sich über einen Sommertag aus dem Bilderbuch. Schon gegen Mittag registriert die Wetter-Warte in Geismar 27° C, am Nachmittag platzen die Freibäder in Weende, Grone und am Brauweg aus allen Nähten. Das ändert sich schlagartig, als gegen 16 Uhr ein Gewitter aufzieht, die Menschen machen sich auf den Weg nach Hause. Doch das Gewitter zieht an Göttingen vorbei, es fallen nur ein paar Tropfen. Also widmen sich viele Göttinger ihrem Garten, mähen Rasen oder bereiten das Grillen für den Abend vor.
Ein richtig gemütlicher Abend, es ist noch warm, viele haben tagsüber Getränke besorgt, um sich einem netten Fußball-Abend zu machen, auch in der Wilhelm-Weber-Straße in Göttingen. Die ARD überträgt das Ligapokal - Halbfinale Werder Bremen gegen Stahl Eisenhüttenstadt live, Punkt 20 Uhr beginnt die Tagesschau, wegen der Fußballübertragung an diesem Tag verkürzt bis 20.10 Uhr. Es gibt sogar positive Nachrichten, die Präsidenten der USA und UdSSR, George Bush und Michail Gorbatschow, haben an diesem Tag in Moskau die Start-Verträge unterzeichnet, die den Abbau strategischer Atomwaffen um 30 Prozent vorsehen.

Monika Körtke wurde mit 40 Messerstichen getötet. Foto: Privat
Wer tötete Monika Körtke?
Foto: Polizei
Über das, was während und nach der Tagesschau passiert, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Demnach kam eine Mutter, die in der obersten Etage in der Wilhelm-Weber-Straße 35 gemeinsam mit ihrem damals zweijährigen Sohn den Mann von der Arbeit zurückerwartet, nicht mehr dazu, die Tagesschau zu Ende zu sehen. Aus der untersten Etage des Hauses sind Stimmen zu hören, die immer lauter werden. Die Auseinandersetzung wird immer heftiger, die Mutter horcht in den Flur hinaus, um zu hören was da los ist. Bis nach oben hört sie die Stimme von Monika Körtke durch die offene Wohnungstür, zögert, beeilt sich dann aber, schnell wieder nach oben zu ihrem Sohn zu kommen. Unten wird der Lärm immer stärker, lautes Poltern, Türenschlagen und dann sogar Schreie sind zu vernehmen. Als sie die ersten Hilferufe der Lehrerin hört, alarmiert sie sofort die Polizei und einen Nachbarn. Dieser geht hinaus und sieht, dass die Wohnungstür offen steht. Und noch schlimmer: Er sieht Blutspuren im Flur.

Mord_Tuer
Wohnungstür des Opfers


Anderen Aussagen zufolge schloss sich die Mutter mit dem Kind vor lauter Angst im Badezimmer ein und alarmierte nicht selbst die Polizei. Erst wesentlich später, als es schon längst wieder ruhig im Haus Nummer 35 geworden war und keine Schreie mehr zu hören waren, wagte der Nachbar nachzuschauen. Erst jetzt und wohl viel zu spät erfolgte der Notruf. „Zeugen melden sich oft nicht oder zögern, weil sie nicht sicher sind und Angst haben, dass etwas auf sie fallen könnte“, betont Prof. Dr. med. Lothar Adler, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Psychoanalyse und Ärztlicher Direktor im Ökumenischen Hainich Klinikum in Mühlhausen.
Wie es sich auch immer zugetragen hat, die Straßen sind fast menschenleer an diesem Sommerabend. Beim Verlassen des Hauses trifft der Nachbar auf die erste alarmierte Funkstreife, die in wenigen Sekunden vor Ort ist, da sie nur ein paar Straßen weiter unterwegs war. Die Beamten stürmen ins Haus und ihnen stockt der Atem. Der Streifenbesatzung bietet sich ein Bild, das sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen wird. Die ganze Wohnung voller Blut, der Flur, die Küche, Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Schlafzimmer. Hier muss ein grauenvoller Kampf stattgefunden haben, in der Küche liegt die blutüberströmte Leiche von Monika Körtke. Sie wurde mit über 40 Messerstichen in den Oberkörper bestialisch ermordet. 


Wie kann ein Mensch sein Opfer so „abschlachten“, fragen sich viele? „Während des Tötens bemerkt der Täter, wie schwierig es ist, einen Menschen zu töten. Er merkt, das Opfer atmet noch und wird fast wahnsinnig“, erklärt Psychiater Adler.
Die sofort eingeleitete Fahndung bleibt erfolglos, der Mörder hatte genügend Zeit, sich aus dem Staub zu machen. Gegen 21 Uhr donnert und blitzt es in der Ferne, doch das Gewitter zieht auch diesmal an Göttingen vorbei. Noch am selben Abend fahndet die Polizei nach einem Verdächtigen, der von einem Nachbarn gesehen wurde. Beschreibung nach Polizeiangaben etwa 25 bis 30 Jahre, männlich, dunkelblonde, kurze Haare, bekleidet mit einer dunklen Lederjacke, vermutlich eine Motorradjacke, dazu dunkle Hose.

Am Tag darauf feiert der Leitende Polizeidirektor Lothar Will sein 40-jähriges Dienstjubiläum. Es ist Donnerstag, der 1. August, doch viel zu feiern gibt es Am Steinsgraben nicht, es herrscht hektische Betriebsamkeit. Und Joachim Heger, der damalige Leiter der Mordkommission, erklärt gegenüber der Presse: „Wir haben nichts, absolut gar nichts!“ Eine Beziehungstat sei ebenso wenig auszuschließen wie ein „sexuell motiviertes Verbrechen“, dagegen gebe es offenbar keine Anzeichen für einen Raub- oder Ritualmord.
Ein paar Spuren gibt es in den darauf folgenden Tagen, Anrufer berichten, sie hätten am Tatabend zwischen 21 und 21.30 Uhr einen Mann im Hainholzweg gehört, der schluchzend „Ich habe sie umgebracht“ gerufen hätte. Am Dienstag, 6. August, um 9.50 Uhr erfolgt ein anonymer Anruf bei der Polizei. Der Anrufer sagt, er habe kurz nach der Tat einen Mann aus dem Haus Wilhelm-Weber-Straße 35 laufen sehen. Trotz mehrmaliger Aufrufe in der Presse meldet sich der Anrufer nie wieder.
Trotz einiger Hinweise tappt die Polizei im Dunkeln, konzentriert sich auf ein Notizbuch der Toten mit 120 Adressen. Die Namen werden systematisch durchforstet, viele Menschen werden befragt oder verhört. Ohne Ergebnis. Prof. Dr. Adler: „Polizeibeamte befragen oft zu fokussiert, sollten mehr das Umfeld des Opfers befragen und auch mal mit Schrot schießen.“ Ingesamt arbeiten sie „sehr tüchtig“ und „klären fast alle Morde auf“, so Adler weiter.


Knapp drei Wochen nach dem Mord setzen die Staatsanwaltschaft Göttingen und die Bezirksregierung Braunschweig eine Belohnung von 10 000 Mark für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Das Geld hat sich bis heute niemand abgeholt...
Auch die Tatwaffe, vermutlich ein Küchenmesser, konnte bis heute nicht gefunden werden. Benachbarte Grundstücke, Gärten und Mülltonnen wurden durchsucht, selbst Wochen später wurde die Umgebung noch einmal mit einem Spürhund abgesucht, doch die Tatwaffe ist bis heute nicht gefunden worden. Für die Hinterbliebenen ist der Gedanke nur schwer zu ertragen, dass der Täter noch frei herumläuft. Sie stellen sich noch heute viele Fragen, wie die ermittelnden Polizeibeamten auch. Auch konnte nie geklärt werden, wo sich Monika Körtke am 31. Juli zwischen 14.40 und 15.45 Uhr aufhielt.
Am Freitag, 9. August 1991, findet um 9 Uhr in der Friedhofskapelle am Junkernberg die Trauerfeier für Monika Körtke statt, Kollegen, Schüler und Freunde nehmen Abschied von der Lehrerin, die wenig später auf dem Friedhof in Hannover-Stöcken beigesetzt wird. „Dieses grausame Lebensende lässt nur tiefste Trauer, fassungsloses Entsetzen und große Hilflosigkeit zu“, heißt es in der Todesanzeige ihrer Familie. „Sie war eine hochqualifizierte und geschätzte Kollegin. Und sie war eine anspruchsvolle Lehrerin, die sich vielen Schülerinnen und Schülern weit über das übliche Maß hinaus zuwandte“, ist in einer weiteren Anzeige der Schulleitung des Hainberg-Gymnasiums zu lesen. Viele Kollegen haben noch heute einen guten Kontakt zu ihren Eltern in Hannover.

Mord_Grab


Wer war diese Monika Körtke?

 Sie wurde am 23. November 1950 in Berlin geboren, wenig später ihr jüngerer Bruder Fred. Die kleine Monika war ein aufgewecktes, hübsches und intelligentes Mädchen, Vater Heinz war erfolgreicher Ingenieur, da standen berufsbedingte Umzüge an. So machte Monika später ihr Abitur in Cuxhaven, studierte in Göttingen Lehramt Mathematik und Chemie. Nach dem Referendariat in Meppen führte ihr Weg zurück nach Göttingen ans Hainberg-Gymnasium, wo sie seit dem 1. August 1977 arbeitete. Sie lernte ihren Ehemann Heinz Körtke kennen, mit dem sie gemeinsam glückliche, aber auch schwere Jahre in Renshausen bei Krebeck erlebte. Dort bewohnten sie ein altes Gasthaus, Monika Körtke kümmerte sich um den Garten, widmete sich der Vogel-Fotografie und ihrer Leidenschaft, dem Nähen und Stricken. Die Nachfrage nach ihren wunderschönen Patchwork-Decken war groß. Das Glück wurde jäh zerstört, als ihr Mann plötzlich unheilbar an Krebs erkrankte. Sie pflegte ihn während seines langen Sterbens aufopferungsvoll bis zu seinem Tod Mitte Januar 1986. Später zog sie nach Göttingen in die Wilhelm-Weber-Straße. Nach einem schweren Fahrrad-Unfall Jahre später musste sie monatelang pausieren, am 1. August 1991 wollte die junge Witwe gerade wieder in den aktiven Schuldienst zurückkehren.
„Sie war eine hochbegabte und zielstrebige Frau. Was sie plante, zog sie auch durch, halbe Sachen gab es für sie nicht“, erinnert sich ein Kollege. Und sie war eine attraktive Frau, die das Leben und die Männer liebte: „Da war sie als Frau ihrer Zeit weit voraus“, ergänzt eine Kollegin. Monika Körtke gab auch schon mal Bekanntschaftsanzeigen auf, ein anderes Mal stand sie für einen Bekannten für Aktfotos vor der Kamera. Geliebt hat sie auch schnelle Autos: „Da hat sie sich dann schon mal morgens um 4 oder 5 Uhr in ihren BMW gesetzt, ist nach Cuxhaven hochgedüst und hat sich einen Tag an den Strand gelegt“, erinnert sich ein Nachbar.
Aber es gab auch die andere Seite der Monika Körtke. Sie war in ihrer Stimmung sehr schwankend, manchmal voller Minderwertigkeitskomplexe: „Keiner will mich, keiner liebt mich“, sie war immer auf der Suche nach der großen Liebe, erinnert sich eine Kollegin. Die glaubte sie gefunden zu haben. Seit gut zwei Jahren war sie mit einem Mann liiert, ein in der Stadt angesehener und bekannter Bürger. Der war allerdings verheiratet, hatte schon ein Kind und gestand ihr Wochen vor ihrem Tod, dass seine Frau erneut schwanger sei. Eine Welt brach für Monika Körtke zusammen. Immer nur die Geliebte, er hatte nur wenig Zeit für sie, oft nur einmal in der Woche, meistens am Donnerstag bei ihr zu Hause, aber gelegentlich auch bei ihm.
Die Polizei Göttingen wertet das „Tötungsdelikt Körtke“ immer noch als ungeklärten Mordfall. Ein Mordfall, der auch nach 16 Jahren nicht zu den Akten gelegt wird: „In enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft wurden auch in den letzten Jahren konkrete Ermittlungen durchgeführt. Diese aktuell anhängigen Ermittlungen stehen unter anderem auch im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen in der Kriminaltechnik“, erklärt Kriminaldirektor Volker Warnecke, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes und stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Göttingen. Detailliertere Angaben könnten zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Ermittlungen nicht erfolgen, doch würden Ermittungen in ungeklärten Tötungsdelikten ganz nach dem Grundsatz „Mord verjährt nie“ niemals eingestellt werden. Warnecke: „Solange Ermittlungsansätze vorliegen oder neue entstehen, werden die Ermittlungen durch die Mitarbeiter des zuständigen Fachkommissariates fortgeführt.“ 


Hinweise nimmt die Polizei jederzeit unter 05 51 / 491 10 12 entgegen. 


Und jeder Täter sendet schließlich auch Jahre nach der Tat noch Signale, sagt Prof. Adler. „Der Täter gibt gegenüber seiner Umwelt Äußerungen und Hinweise ab, die aber nicht Ernst genommen werden und einfach als Quatsch abgetan werden“, so der Psychiater.
Am Freitag wäre Monika Körtke 57 Jahre alt geworden...!

Freitag, 7. Februar 2014

WOLFSBURG: Tötungsdelikt z.N. von Sabine Bittner

Warum musste Sabine Bittner sterben?! Auftragsmord?


Sabine Bittner - berufstätige Ehefrau und Mutter zweier Kinder - hat sich frei genommen. Kaum jemand weiß, dass sie an diesem Tag allein zu Hause sein wird. Sie erledigt Einkäufe und bringt die Tüten noch ins Haus. Doch es bleibt keine Zeit mehr auszupacken. Von irgendwoher taucht eine unbekannte Person auf und erschießt die Frau. Ein Auftragsmord - davon ist die Kripo überzeugt.

Bildunterschrift hinzufügen

Donnerstag, 29. November 2012 

An einem normalen Donnerstagvormittag steht das Wohnhaus im Fanny-Lewald-Ring in Wolfsburg-Reislingen leer. Dann arbeiten Sabine Bittner und ihr Mann. Die Kinder sind in der Schule. Doch heute ist der Tagesablauf anders. Sabine Bittner verabschiedet sich früh morgens von ihren Töchtern und fährt ins Fitness-Studio. Sie hat ihren freien Tag von Dienstag auf Donnerstag verlegt. Später, um halb elf erwartet sie eine Möbel-Lieferung. An ihrem Arbeitsplatz - einer Bank in Braunschweig - wissen nur Wenige, dass die 47-Jährige heute zu Hause sein wird.

Ein Killer in der Küche

Auch der Täter weiß vermutlich von dieser Veränderung im Wochenplan. Er kann sich sicher sein, Sabine Bittner gegen 10 Uhr im Haus vorzufinden. Auf bisher nicht bekannte Weise gelangt er ins Gebäude. Er scheint Erfahrung zu haben mit dem Töten von Menschen. Zu diesem Schluss kommt später die sogenannte "Operative Fallanalyse" (OFA). Sabine Bittner stirbt in ihrer Küche durch zwei Schüsse in den Hinterkopf.

Am 14. November und am Tattag, dem 29. November 2012 fällt im Fanny-Lewald-Ring ein unbekanntes Auto auf. Es trägt das Kennzeichen SAW für den Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt auf. Am 14. November wird in diesem Fahrzeug ein Beifahrer gesehen, von dem später ein Phantombild erstellt wird. Die Polizei sucht den Fahrer und den Beifahrer als Zeugen.
Beschreibung des Beifahrers: etwa 50 Jahre alt, athletisch, graue, wellige Haare, helle Augen. 


Mysteriöse Taxifahrten 

Nach Angaben einer Taxifahrerin hat sich Sabine Bittner seit 2009 mindestens dreimal mit einem Taxi von Wolfsburg aus nach Hause bringen lassen - zuletzt gegen 18 Uhr am Tag vor dem Mord. Die Fahrten starteten jeweils am Taxistand Porschestraße in der Nähe eines Spielcasinos und endeten einige hundert Meter vom Wohnhaus im Fanny-Lewald-Ring entfernt. Die Kripo hält diese Fahrten für sehr ungewöhnlich.

Fragen nach Zeugen: 


  1. Wo hat sich Sabine Bittner am 28. November 2012 vor 18 Uhr in Wolfsburg aufgehalten? 
  2. Weitere Taxifahrer werden gebeten sich zu melden, wenn sie Sabine Bittner gefahren haben. 

Belohnung: Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führen, ist eine Belohnung von 20.000 Euro ausgesetzt.

Zuständig: Kripo Wolfsburg, Telefon 05361 / 464 64 60

Anonyme Hinweise können auch auf der Internetseite der Polizei Wolfsburg gegeben werden.

Donnerstag, 6. Februar 2014

HESSEN: UNGEKLÄRTE MORDE-Reportage einer Spurensuche Teil 1-2

Eine Reportage von Ungeklärten Morden aus der Region Hessen 

Ich möchte Euch nun die Journalistin und Autorin Heike Bayer vorstellen. Sie befasst sich mit ungeklärten Mordfällen in der Region Hessen. Sie wird nun hin und wieder ihre Rechercheergebnisse und die dazu gehörigen Artikel hier im Blog veröffentlichen. Sie hat sehr genau recherchiert und sie möchte ihre Gedankengänge und Ergebnisse mit uns teilen! 


Ich finde Sie und Ihre Arbeit klasse, und ich möchte Euch  bitten das ihr Sie auch so wie mich gut annehmt und Sie auch unterstützt!

Artikel von Heike Bayer:
Die Reportage einer Spurensuche. 

I.Teil.

Das Register der offenen Mordakten ist lang.

Johanna Bohnacker, Melanie Freitag, Tristan Brübach, Britta Hafemann, Michael Walther, und die Winter-Frauen.

Sie lebten in Bobenhausen-Ranstadt, Wiesbaden-Klarenthal, Gelnhausen und Volkertshain.

Sie sind tot. Ermordet. Vor unser aller Haustür. Die Täter sind noch auf freiem Fuß, leben womöglich irgendwo mitten unter uns.

Elf Opfer. Elf unaufgeklärte Mordfälle.Verglichen mit größereren Bundesländern, ist das verdammt hoch fürs Zweitkleinste Land. Da schauderts Gänsehaut. 
Was ist in Hessen los? 

Die Spurensuche beginnt an der Autobahnabfahrt Friedberg, am Kreisel, Richtung Gewerbegebiet. Zum Grünen Weg, Polizeidirektion Mitte, K10.

Für den Mord an Johanna Bohnacker ist jetzt Hauptkommissar K. Schmidt zuständig. Ein sympathischer Mann Ende vierzig. Das Erbe seiner Vorgänger belastet. Er deutet auf die überfüllten Aktenschränke. „Die hier vorne, 2000 Aktendeckel- gehören allesamt zum Mord an Johanna Bohnacker.



Johanna Bohnacker
Foto: Polizei

Vielleicht ist er da irgendwo drin, der Name des Täters, Möglich, dass wir ihn damals verhört haben. Er wird gedeckt. Wir haben alle aus den Ortsteilen vernommen. Zig-Ermittlungsbogen ausgefüllt und alle befragt... “, gesteht er. Was macht ihn so sicher, dass sie ihn kennen? Er senkt den Kopf, klopft mit dem Zeigefinger auf das Aktenzeichen. Aha. Verstanden. Die Akte ist also noch offen, die Ermittlungen laufen noch immer, das Verfahren ist anhängig, und er hat Schweigepflicht.

Der Kriminalbeamte Schmidt wendet sich ab zum Computer, dreht den Monitor, klickt Google Earth an, zoomt auf einen schmalen Weg.

„Schauen Sie. Hier ist Johanna entlang geradelt, ist auf dem Rückweg von ihrer Freundin gewesen. Aus Bellmuth kommend, dem kleinsten Ortsteil, der kaum mehr als fünf Straßen hat. Auf dem Rückweg nach Bobenhausen, ist sie irgendwo hier ihrem Mörder begegnet.“

Im Jahre 2011 hätte Johanna ihren 20-igsten Geburtstag gefeiert. Wie reagieren die Bobenhäuser nach so vielen Jahren?

„Es ist schwierig, heute überhaupt Einheimische zu befragen", gesteht Schmidt, "da liegt so viel Mißtrauen über dem kleinen 500-Seelen-Nest. Die Menschen sind noch immer traumatisiert."

Einer, der von Anfang an mit dem Mordfall betraut war, und jetzt Polizei-Pressesprecher im Polizeipräsidium Mittelhessen ist, zieht die Medien in die Pflicht:


Link zum Artikel der Gießener Zeitung


Die Autobahn A5 zieht sich als blutig roter Faden durch mindestens zwei Morde.

Johannas Leiche wurde in Nordhessen an der A5 gefunden. Kurz vor Kassel, unweit der Raststätte Berfa. Der Mörder hat sie keine 100 Kilometer weit weg von ihrem Wohnort in einem Müllsack entsorgt.

Auffällig, dass weiter südlich, am Gambacher Kreuz, an der Anschlussstelle Steinbach, 15 Jahre zuvor auch ein Mordfall geschehen ist. Nach Johanna, die an einem Septembermorgen

verschwunden ist, wurde auch an einem Septembermorgen, am 15.-ten des Jahres 1985, am Parkplatz, die Leiche von Britta Hafemann gefunden. 

In Aktenzeichen XY-ungelöst, war der Mord zweimal im Brennpunkt als Studiofall.




Vor 29 Jahren war das – Mord verjährt nicht. 

Mysteriös bleibt die Bemerkung einer Frau aus einem Kult, die über Mittelhessen von „der Heimat der Täter“ spricht. Was weiß sie? Die Polizei tappt im Dunkel. Denn sie ist verschwunden. Wenn sie redet, ist das Hochverrat und brandgefährlich. 




Warum die Zahl 6 eine große Rolle spielt, und was es mit einem teuflischen Zeichen auf sich hat, erfahrt ihr im II. Teil der Reportage.


Mehr auch unter:

Link zu Tatortnews




M Y S T E R Y, Cold Cases

Reportage einer Spurensuche


II.Teil



Es sind diese eiskalten Augen und scharfkantigen Gesichtszüge, die jedem blanke Schauer über den Rücken jagen. Der Blick verfängt sich auf die Narbe über der Oberlippe. Flusenartige Haare fallen auf. Ungepflegt. Im Nacken zum Zopf gebunden...

Das Phantombild läßt seit nunmehr 12 Jahren alle, die sich mit ihm beschäftigen, nicht mehr los.




Phantombild
Foto: Polizei


Wanted. Dieser Mann wird gesucht. Er soll den damaligen 13-jährigen Schüler Tristan Brübach auf dem Gewissen haben. Ermordet am 26. März 1998. In der Tunnelunterführung in Frankfurt-Höchst. Bestialisch abgeschlachtet. Geschächtet wie ein Tier. Das Messer am linken Ohr angesetzt, die Kehle aufgeschlitzt bis zum rechten Ohr. Im Bach hat er den Jungen ausbluten lassen. Seine Leiche in den Tunnel geschleppt und ihn dort aufgebahrt wie eine Trophäe. 
Die Hoden herausgeschnitten samt einem Stück Muskelfleisch. Unvorstellbar. Grauenvoll. Eine Tat, die bisweilen in der jüngeren Kriminalgeschichte seinesgleichen sucht. 
Doch anders als im Fall Johanna hat die Menschenbestie seine Spur hinterlassen. Auf einem Schulbuch von Tristan. Ein blutiger Fingeradruck. So konnte seine DNA sichergestellt werden. Weltweit erfasst in der Zentraldatenbank. Bei jedem Mord, der auf diesem Globus geschieht, bei jedem Padophilen, der sich an Kindern vergeht, wird automatisch die DNA abgeglichen.


Tristans Tascheninhalt,  Schulbuch mit blutigen Fingerabdruck des mutm. Täters
Foto: Polizei


Gibt es einen Zusammenhang zwischen Frankfurt-Höchst und Ranstadt-Bobenhausen, wo Johanna Bohnacker verschwunden ist? Keine 40 Kilometer liegen die Tatorte auseinander. 
Soll nicht im Mordfall Johanna ein Zeuge einen Mann mit Zopf in der Nähe des Tatortes gesehen haben? 
Könnte es sich um den gleichen Täter handeln? 
Fragen über Fragen an den zuständigen Hauptkommissar in Frankfurt, Uwe Frey. Der schüttelt vehement den Kopf. Nein. Der grauenvolle Mord an Tristan Brübach trägt das Konterfei eines äußerst perversen Sadisten, lässt er uns wissen. 
Hartnäckig hake ich nach. „Haben Zeugen nicht ausgesagt, dass im Mordfall Johanna ein Mann beobachtet worden ist mit einem Zopf, statt blond soll der dunkel gewesen sein. „Was ist dunkel, was ist hell! Unerheblich, jeder hat eine andere Wahrnehmung", kritisiert er. Doch laut Tatanalyse und dem Täterprofil bestätigt er die Zweifel seines befreundeten Friedberger Kollegen, Hauptkommissar Schmidt, dass der Mörder von Tristan nicht der Mörder von Johanna sein kann.

Der ermittelnde Kripobeamte Frey hat den Mord an Tristan im vergangenen Jahr neu aufgerollt und Fallanalytiker, sogannte Profiler, aus München eingeschaltet. Sie verfolgen neue Spuren.

SAT 1 hat diese dokumentiert. Die Reportage ist im November 2013 ausgestrahlt worden. Hat eine Flut von Hinweisen nach sich gezogen. Mehr als 200. Focus Online schreibt, dass der Kripobeamte Frey bei einem heißen Tipp aus seinem Stuhl aufgesprungen sei.

„Wo haben Sie das denn das gelesen?", kontert er. Räumt aber dann ein, dass sich der anfangs viel gepriesene Tipp inzwischen in Luft aufgelöst hat. Wie übrigens alle neuen Spuren, die nach der Sendung bislang ausgewertet worden sind.

Wer ist diese Bestie? Jemand, der wie Hannibal Lektor im Kinoschocker „das Schweigen der Lämmer“ mordet?

Ich kontaktiere einen der renommiertesten Experten, den wir auf diesem Gebiet in Deutschland haben, Prof. Dr. Michael Osterheider von der Universität Regensburg. Eine Choryphäe in der Neurologie und Kriminalpsychiatrie. Seit 2004 hält er eine Professur für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg. Den Fall Tristan Brübach kennt er. Spricht sofort von der Tat eines Psychopathen. Obwohl dieser Begriff etikettiert sei bei uns in Deutschland. Negativ besetzt durch die Nationalsozialisten.

Ist "das Böse" im Gehirn des Menschen nachweisbar? Sein amerikanischer Kollege, der Facharzt Adrian Raine, Kriminologe an der University of Pennsylvania in Philadelphia, glaubt in Hirnen von schwerst sadistischen Killern Areale entdeckt zu haben, die Muster und Defizite aufweisen.

"Das ist überinterpretiert und Bullshit", stellt er klar und weiter informiert er, "Die Amerikaner übertreiben, müssen ihre Milliarden Dollars, die sie für die Hirnforschung „Brain research und Neuro-Imaging" freigeschaufelt haben, rechtfertigen, Man kann nicht Patienten in den Kernspin schieben und dann nach einem Muster und Defizit in den Hirnarealen suchen. Außerdem scheint es sehr gewagt von den amerikanischen Kollegen, zu behaupten, 15 bis 20 Serientäter untersucht zu haben, reiche aus, um wissenschaftliche Thesen zu stützen.


Link zum Artikel der WELT



Prof. Dr. M. Osterheider: "Was wir sicher heute sagen können, ist, dass es Auswüchse gibt bei Psychopathen, die sich schon im frühen Kindesalter zeigen, Sie sind multifaktorell. Mängel und Beeinträchtungen können vielfältiger Natur sein. Zum Beispiel emotionale Defizite, aber auch Einflußfaktoren wie Sauerstoffmangel vor und bei der Geburt. Was man heute mit Sicherheit weiß, ist, dass im Dritten Drittel der Schwangerschaft das Hirn des Fötus beeinflusst werden kann. Zum Beispiel durch Infektionen der Mutter und auch durch hormonelle Störungen etc. Aber da ist noch lange noch nicht alles erforscht. Viele sadistische Serientäter zeigen vorpubertäre Traumata, Auffälligkeiten, wie Tierquälereien, oder andere sadistischen Züge."


H.N.B.: Glaubt er, dass jeder Mensch zu einem Mord fähig ist?

Prof.Dr. Osterheider: Ja, es gibt Situationen, da ist grundsätzlich jeder Mensch zu einem Tötungsdelikt fähig.

H.N.B: Können Sie damit rechnen, dass Forensik mit genügend Forschungsgeldern in Zukunft ausgestattet wird?

Prof. Dr. Osterheider: Die Forschung ist auch immer eine Sache der politischen Ausrichtung, und im Moment wird eher in die Forschung von Gender-Studien investiert. In die Geschlechtererforschung.


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Heike Nocker-Bayer

Autorin

Vertriebsbüro Gießen

0641/3993665


N E U

Jede Woche eine kostenlose Leseprobe meiner Reportage über Cold Cases in Hessen.

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