Freitag, 20. Mai 2011

ULM: Vermisst Daniel Eberhardt

Daniel, wo bist Du?

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Der erste Anruf kam vier Monate nach seinem Verschwinden und dauerte drei Minuten. Karola Eberhardt (55) hörte den flachen Atem des Anrufers, im Hintergrund jugendliche Stimmen, sonst nichts. Sie wusste es sofort: Das ist er. Mein Sohn.


„Daniel?“, flüsterte sie zaghaft, spürte ein Zögern am anderen Ende – und dann folgte ein Tuten. Aufgelegt.

An einem Montagmorgen im Oktober 2004 sah Karola Eberhardt aus Ulm ihren Sohn zum letzten Mal.​ Daniel (damals 15) packte sein Pausenbrot ein und ging zur Schule.

Nach dem Unterricht, das erfuhr Karola Eberhardt später, stieg er in die Regionalbahn 22534 und fuhr ins benachbarte Thalfingen. Ein Kontrolleur erwischte ihn beim Schwarzfahren, notierte seine Personalien. Danach verlor sich Daniels Spur. Am Abend begann die Polizei mit der Fahndung, suchte tagelang – ohne Erfolg.

Fast sieben Jahre ist das her. Karola Eberhardt hat nicht die leiseste Ahnung, wo Daniel heute ist. Sie weiß nicht, wie es ihm geht, weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Sie weiß nur, dass es schon zehn dieser Anrufe gab, bei denen es still am anderen Ende war und die teils 15 Minuten dauerten. Ihr Bauch sagt: Diese Anrufe sind Lebenszeichen. Lebenszeichen von Daniel.

Es gibt eine Theorie, an die Frau Eberhardt am liebsten glaubt: dass Daniel abgehauen ist – und ihn jetzt ein schlechtes Gewissen plagt.​ Sicher ist: Kurz vor seinem Verschwinden lieh Daniel sich in der Stadtbücherei einen Weltatlas aus – und ein Buch mit dem Titel „Wie motiviere ich mich selbst?“. Aber warum?

„Es war damals eine schwierige Phase“, sagt Karola Eberhardt. „Ich hatte mich von meinen Mann getrennt. Daniel war vier Tage in der Woche bei ihm, drei bei mir. Er litt sehr unter der Trennung, war ja mitten in der Pubertät.“

In der Schule sackte er ab, wechselte vom Gymnasium auf die Realschule. Seine Bewerbung um einen Ausbildungsplatz bei der Polizei scheiterte – wegen seiner Kurzsichtigkeit. Nach einer Verletzung fiel er auch noch beim Basketball, seinem größten Hobby, aus. Daniel zog sich zurück, saß öfter am Computer, chattete. Vielleicht mit den Falschen.


Theorie Nummer 2: Daniel geriet an eine Sekte. „Er hatte kaum Selbstbewusstsein, war vielleicht ein gefundenes Fressen für die“, sagt Karola Eberhardt. Die Mutter fragte bei Sekten gezielt nach ihrem Sohn, bekam keine Antworten.

Stillstand ertrug Karola Eberhardt nicht. Sie konnte nicht nichts tun. Stattdessen ging sie Theorie Nummer 3 nach. War Daniel Opfer eines Verbrechens geworden?

Die Verwaltungsangestellte zog nach Feierabend los, suchte selbst. Zahlte Geld für jeden winzigen Hinweis, egal wie stichfest. Mal 20 Euro, mal 50. Mal an Passanten, mal an Drogensüchtige. Selbst süchtig nach Informationen, nach dem kurzen Rausch, dem Gedanken, Daniels Schicksal könne sich aufklären. Jede Spur endete mit Ernüchterung.


Es gibt noch eine letzte Theorie. Eine, an die manche im Ort glauben, eine, die Frau Eberhardt hasst: Selbstmord.

Nach Daniels Verschwinden brach die Polizei sein Schulfach auf. Da lag seine Jacke, der Rucksack. Handy, MP3-Player. Portemonnaie samt Inhalt. „Wer Geld und Ausweis hinterlässt, hat andere Absichten, kommt nicht zurück“, erklärten die Beamten.

Karola Eberhardt will so etwas nicht hören. „Solange ich nicht weiß, dass er tot ist, glaube ich, dass er lebt“, sagt sie. Sie kauft Geschenke für Daniel, zum Geburtstag, zu Weihnachten, verpackt sie und legt sie in einen Schrank. „Niemand hat das Recht, mir die Hoffnung zu nehmen.“

Oft wird sie gefragt, warum sie keine Fangschaltung legt, um den Anrufer zu identifizieren. Sie antwortet dann: „Ich habe Angst, dass er das merkt, will ihn nicht verschrecken. Ich möchte, dass er wiederkommt, weil er das will, nicht, weil ich ihn orte.“

Der letzte Anruf ist jetzt fast zwei Jahre her. Er kam am 26. Oktober 2009, genau fünf Jahre nach Daniels Verschwinden.

Dieses Mal blieb Frau Eberhardt nicht ruhig. Sie weinte, bettelte, flehte in den Hörer: „Daniel, sag doch was.“ „Daniel, hörst du mich?!““ „Daniel, komm zurück ...“

Der Anrufer blieb nur ein paar Sekunden in der Leitung. Dann kam das Tuten. Aufgelegt.