Montag, 23. Februar 2015

MOSBACH/BADEN: Tötungsdelikt z.N. von Christine Piller (1986)

Wer ist der Mörder von Christine Piller?



Leider gehört der Mordfall Christine Piller zu den sogenannten Cold Case Fällen. Auch nach so langer Zeit hoffen die Ermittler, doch noch den entscheidenden Tipp zum Täter zu bekommen. 
Am Abend des 23. Januar 1986 ist Christine Piller zum letzten Mal lebend gesehen worden. Ein Hund wie dieser klemmte im Auto. Foto: Gottfried Stoppel
Christine Piller
Foto: Polizei


Vielleicht weist der Cowboy den Weg zum Mörder. Er müsste eigentlich auffallen in seinem knallroten Hemd und seiner stahlblauen Jeans. Über der rechten Schulter einen Sattel, in der linken Hand ein Brandeisen. Sehr lässig und – sehr süß. Der Cowboy misst sechs Zentimeter mit Hut. Vor ungefähr 30 Jahren waren die kleinen Rinderhirten ein Werbegeschenk der Firma Levis. Einer von ihnen baumelte an Christine Pillers Schlüsselbund, bis sie umgebracht wurde.

So ein Cowboy baumelte an ihrem Schlüsselbund. Er ist verschwunden. Foto: Gottfried Stoppel
Dieser Schlüsselanhänger "Cowboy"ist mit samt dem Schlüsselbund verschwunden.
Foto: Polizei

Im März 1986 ist Christine Pillers Leiche in einem Wald bei Gundelsheim gefunden worden. Der Schlüsselbund war verschwunden, auch vom Cowboy gab es keine Spur. Vielleicht hat ihn der Mörder behalten. Sollte das dann nicht jemand bemerkt haben: Wenn einer plötzlich einen Schlüsselanhänger hat, den die Polizei öffentlich sucht? Das könnte ein wertvoller Hinweis sein, auch 29 Jahre nach dem Verbrechen.

Die Ermittler in Heilbronn haben den Fall nie zu den Akten gelegt, natürlich nicht. Mord verjährt nicht. All die Jahrzehnte haben sie versucht, die vielen Puzzleteile, die sie während der Fahndung gesammelt haben, zu einem Bild zusammenzusetzen. In den vergangenen Wochen sind sie dabei auf Erkenntnisfetzen gestoßen. Es handle sich noch um recht ungesicherte Informationen, ganz zarte Ermittlungsansätze, wie die Beamten nicht müde werden zu betonen. Nur keine zu hohen Erwartungen wecken.

Sie kommt nie am Treffpunkt an

Auf jeden Fall suchen sie jetzt wieder Puzzleteile. Die Kommissare werten jede Spur von damals neu aus. Die Spezialisten im Landeskriminalamt unterziehen alle Fundstücke neuen, hochmodernen Analysen. Und die Ermittler suchen neue Zeugen. Vielleicht lassen sich die Lücken in dem Bild doch noch schließen.

Der Tag, an dem Christine Piller zum letzten Mal lebend gesehen wird, ist der 23. Januar 1986. Gemeinsam mit einer Kollegin verlässt die 19-Jährige am Abend dieses Donnerstags das Mosbacher Modehaus, in dem sie arbeitet. Auf dem Parkplatz verabschieden sich die Frauen voneinander. Christine Piller steigt in ihren goldbraun-metallic-farbenen Ford Fiesta und macht sich auf den Weg nach Neckarelz. Dort ist sie um 18.15 Uhr mit dem Bruder ihres Freundes verabredet. Sie hat ihm versprochen, dass sie ihn mit heim nach Aglasterhausen nimmt. Doch Christine Piller kommt nie am Treffpunkt an.

Christine Pillers Auto wurde bald nach ihrem Verschwinden gefunden.  Foto: Gottfried Stoppel
Christine Pillers Auto.
Foto: Polizei


Ihre Mutter ahnt sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Ihre Tochter bleibt nicht über Nacht weg, ohne Bescheid zu geben. Doch als Frau Piller am Morgen des 24. Januar in Christines Zimmer schaut, ist es leer. Die Mutter ruft beim Freund ihrer Tochter an. Dort ist sie nicht. Sie wählt die Nummern von Christines Freundinnen. Sie ist bei keiner. Auch ihr Chef im Modehaus in Mosbach weiß nicht, wo Christine sein könnte. Früher zur Arbeit ist sie zumindest nicht gekommen.

Das Bild, das sich die Polizisten von Christine Piller machen, hat keinen schwarzen Fleck, nicht mal einen Schatten. Christine Piller ist eine fröhliche und freundliche junge Frau, die ein unauffälliges Leben führt. Nach ihrem Hauptschulabschluss absolvierte sie eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Im Modehaus Sessler fand sie danach eine unbefristete Stelle. Christine Piller ist Mitglied bei der DLRG in Aglasterhausen, sie hat einen jüngeren Bruder und wohnt noch zu Hause bei ihren Eltern. Im folgenden Frühjahr will sie sich mit ihrem Freund verloben, mit dem sie damals seit fast zwei Jahren zusammen ist.

„Das war eine ganz normale und völlig intakte Familie“, sagt Thomas Nohe. Der Kriminalhauptkommissar gehörte zur Sonderkommission, die nach Christine Pillers Verschwinden gegründet wurde. Die Polizisten hörten bei ihren Befragungen kein schlechtes Wort über die junge Frau. Bei ihrer Fahndung stießen sie auf keine unbekannte Seite. Ein Mensch, der so zuverlässig ist und so ordentlich lebt, taucht nicht einfach unter. „Das passte überhaupt nicht“, sagt Nohe, der rasch ahnte, dass die Mutter recht haben würde: Etwas Schlimmes musste passiert sein.

Die Kommissare vernehmen jeden, der Christine Piller kennt:

Wann haben Sie die Frau zum letzten Mal gesehen? 
Wo ist das gewesen? 
Ist Ihnen etwas an ihr aufgefallen? 
sie anders als sonst? 
Christines Tante sagt aus, sie habe ihre Nichte am Morgen des 23. Januar auf dem Weg zur Arbeit gesehen. Ihr Auto sei ihr entgegengekommen. Und auf dem Beifahrersitz, meint die Tante, saß eine ihr nicht bekannte Person. Eine Spur?
Mickymaus-Aufkleber auf der Heckklappe

Die Polizisten verteilen Plakate und machen

Lautsprecherdurchsagen: Gesucht wird die 19 Jahre alte Christine Piller. Sie ist 1,70 Meter groß, schlank, hat lange, braune Haare und trug zuletzt einen schwarzen Rock, Stiefeletten Größe 37, ein schwarzes Polohemd, eine gelbe Strickjacke und einen geflochtenen Ledergürtel. 
Die Zeitungen drucken das Foto, auf dem Christine Piller unschuldig lächelt. Und sie veröffentlichen ein Bild von ihrem Ford Fiesta, auf dessen Heckklappe ein Mickymaus-Aufkleber pappt. Am Samstag, 25. Januar, erscheint der Fahndungsaufruf in den Medien, am selben Morgen meldet sich ein Zeuge. Er hat das Auto in einem Wohngebiet in Neckarelz gesehen.

Neckarelz, das Örtchen also, wo Christine Piller den Bruder ihres Freundes abholen wollte, aber nie angekommen ist. Der Fiesta steht ungefähr 800 Meter vom damaligen Treffpunkt entfernt, und zwar, wie sich herausstellt, seit jenem Donnerstagabend.

Das kleine Auto ist auf eigentümliche Weise leer und doch nicht leer. Die Polizisten finden auf dem Rücksitz Christines Handtasche samt Papieren und Geld, im Kofferraum liegt ihr Mantel. Der Plüschteddy, der seinen Platz auf der Hutablage hatte, hingegen fehlt. Ebenso ein kleiner Stoffhund, der am Innenspiegel klemmte. Und der Schlüsselbund mit dem Cowboy-Anhänger taucht auch nirgends auf.

So ein Plüschhund klemmte am Innenspiegel ihres Wagens. Auch ihn hofft die Polizei noch zu finden. Foto: Gottfried Stoppel
So ein Plüschhund klemmte am Innenspiegel ihres Wagens
Foto: Polizei


Die Strecke zwischen dem Fundort Neckarelz und dem Wohnort Aglasterhausen misst ungefähr 15 Kilometer und ist von Wäldern gesäumt. Wochenlang durchforsten Hunderte von Menschen die Umgebung. An der Suche beteiligen sich viele Freiwillige. Aglasterhausen ist eine kleine Gemeinde im Odenwald. In den insgesamt vier Teilorten leben weniger als 5000 Einwohner, die in mehr als 30 Vereinen engagiert sind. Hier kennt so gut wie jeder jeden. Das Verbrechen an Christine Piller lässt keinen unberührt. Doch trotz der riesigen Hilfsbereitschaft und trotz der ausgesetzten Belohnung von 10 000 Mark, bringt die Suche keinen Erfolg. Die Mitbürgerin bleibt verschwunden, spurlos.

Acht Tage, nachdem Familie Piller ihre Tochter als vermisst gemeldet hat, entdecken Passanten am Straßenrand in der Nähe des Mosbacher Berufsschulzentrums den schwarzen Rock, den Christine Piller am Tag ihres Verschwindens getragen hat. Er bringt die Ermittlungen nicht weiter. Doch er erstickt die letzten Funken Hoffnung. Sieben weitere Wochen später wird aus der unvorstellbaren Vermutung eine schier unerträgliche Gewissheit.

Am Vormittag des 22. März 1986 suchen zwei Männer in einem Waldstück bei Gundelsheim einen Holzlagerplatz. Sie haben einige Festmeter ersteigert und wollen die Ware abholen. Doch bevor sie ihr Holz finden, entdecken sie die Leiche von Christine Piller. Die Obduktion ergibt, dass sie erstochen wurde. Sehr wahrscheinlich an dem Abend, an dem sie verschwand. Mehr gibt die Polizei nicht bekannt. Täterwissen!

Mehrere Hundert Hinweise, aber keine heiße Spur
Gundelsheim ist zehn Kilometer entfernt von Neckarelz und liegt in der entgegengesetzten Richtung von Aglasterhausen. Dort hatten die Fahnder bis dahin nicht gesucht. Wieder rücken Hundertschaften aus und durchkämmen den Wald. Auf jeden der wenigen Anwohner prasseln die gleichen Fragen ein: Haben Sie etwas beobachtet? Ist Ihnen etwas aufgefallen? Haben Sie diese Frau schon mal gesehen? In den Zeitungen erscheinen Fotos des Stoffhundes, der am Innenspiegel klemmte, des Cowboys, der am Schlüsselbund hing, der Stiefeletten, des Gürtels. Vielleicht kennt jemand jemanden, der seit Kurzem solche Gegenstände hat.

Die Polizisten gehen mehreren Hundert Hinweisen nach. Konkreter wird Kriminalhauptkommissar Nohe nicht. Sie könnten ja wieder relevant werden. Doch damals führen sie zu keiner heißen Spur. Im Mai 1986 räumen die 25 Beamten das Gundelsheimer Rathaus, das sie für ihre Ermittlungen in Beschlag nehmen durften. Die Soko Piller wird aufgelöst. „Wir mussten erkennen, dass wir nicht weitermachen konnten“, sagt Thomas Nohe, der heute den Arbeitsbereich Kapitaldelikte im Heilbronner Polizeipräsidium leitet. Dies sei einer der enttäuschendsten Momente dieses Falls gewesen. Bald liegt er 29 Jahre zurück.

Im Januar dieses Jahres wendet sich die Heilbronner Polizei wieder an die Öffentlichkeit. In einer Pressemitteilung steht: „Die Kriminalpolizei wird im Rahmen ihrer Ermittlungen nochmals auf die eine oder andere Person zugehen, die bereits nach der Tat vernommen wurde. Gleichzeitig bitten die Ermittler weitere mögliche Zeugen, sich zu melden, wobei jeder noch so unwichtig erscheinende Hinweis vielleicht doch hilfreich sein könnte.“

Die Polizisten hoffen, dass sie endlich erfahren, wie Christine Pillers Fiesta am 23. Januar nach Neckarelz gekommen ist. 
Auf welcher Route? 
Mit welchem Fahrer? 
Auffallend unklar ist auch, wie Christine Piller ihre Mittagspause an jenem Tag verbrachte. Normalerweise ist sie immer von irgendjemandem irgendwo gesehen worden – dieses Mal nicht. Und was hat es mit dem Beifahrer auf sich, den die Tante am Morgen des 23. Januar gesehen haben will? Niemand weiß, ob es ihn wirklich gab. Thomas Nohe sagt, dass es nach dem jüngsten Aufruf in den Medien erstaunlich viele Hinweise gab. Details gibt er wieder nicht preis. Das könnte ja den Täter warnen.

Der Kommissar weiß, dass er und seine Kollegen gegen die Zeit arbeiten. Die Zeugen werden älter, der Täter wird es auch. Doch sollte es wirklich möglich sein, dass der Mord im Umfeld des Täters unbemerkt geblieben ist? „Wenn wir keine Hoffnung hätten, würden wir nicht ermitteln“, sagt Thomas Nohe. Kleiner Cowboy, hilf!

Am 23. Januar dieses Jahres erschien in verschiedenen Lokalzeitungen im Neckar-Odenwald-Kreis eine Traueranzeige. Neben einem Foto von Christine Piller stand geschrieben: „Ermordet! – Warum? – Von wem? Diese Fragen quälen uns, nicht nur an deinem heutigen Todestag. Wir werden dich nie vergessen.“

1 Kommentar:

  1. sie hätte niemanden mitgenommen, das hätte ihre mutter verboten! wenn jemand im auto saß, dann kannte sie ihn... und bestimmt musste er zur berufsschule, und damals gab es keine zentralverriegelung, sie sagt auf dem parkplatz, machst du zu!? und das auto wäre offen... und ortskenntnis hätte er auch gehabt, über berufsschule nach gundelsheim... und man verrichtet nicht sein geschäft, an dem ort an dem man isst... also ich denke er wollte richtung HN pretenden, aber sie muss ihn gekannt haben, und keine angst vor ihm gehabt haben, imho. ich war damals 9jahre, und die waren die nachbarn meiner großeltern, die sollen den typen finden, nicht immer nur die kleinkriminellen armen schweine schickanieren... die familie hats verdient!!!

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