Mittwoch, 26. Februar 2014

GÖTTINGEN: Tötungsdelikt z .N. von Monika Körtke (1991)

Wer tötete Monika Körtke?

Noch immer Zeugen gesucht


Mittwoch, der 31. Juli 1991: Es sind Sommerferien, ruhig und besinnlich geht es in der altehrwürdigen Universitätsstadt Göttingen zu. Es ist Urlaubszeit, auch die Studenten haben Semesterferien, die Daheimgebliebenen freuen sich über einen Sommertag aus dem Bilderbuch. Schon gegen Mittag registriert die Wetter-Warte in Geismar 27° C, am Nachmittag platzen die Freibäder in Weende, Grone und am Brauweg aus allen Nähten. Das ändert sich schlagartig, als gegen 16 Uhr ein Gewitter aufzieht, die Menschen machen sich auf den Weg nach Hause. Doch das Gewitter zieht an Göttingen vorbei, es fallen nur ein paar Tropfen. Also widmen sich viele Göttinger ihrem Garten, mähen Rasen oder bereiten das Grillen für den Abend vor.
Ein richtig gemütlicher Abend, es ist noch warm, viele haben tagsüber Getränke besorgt, um sich einem netten Fußball-Abend zu machen, auch in der Wilhelm-Weber-Straße in Göttingen. Die ARD überträgt das Ligapokal - Halbfinale Werder Bremen gegen Stahl Eisenhüttenstadt live, Punkt 20 Uhr beginnt die Tagesschau, wegen der Fußballübertragung an diesem Tag verkürzt bis 20.10 Uhr. Es gibt sogar positive Nachrichten, die Präsidenten der USA und UdSSR, George Bush und Michail Gorbatschow, haben an diesem Tag in Moskau die Start-Verträge unterzeichnet, die den Abbau strategischer Atomwaffen um 30 Prozent vorsehen.

Monika Körtke wurde mit 40 Messerstichen getötet. Foto: Privat
Wer tötete Monika Körtke?
Foto: Polizei
Über das, was während und nach der Tagesschau passiert, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Demnach kam eine Mutter, die in der obersten Etage in der Wilhelm-Weber-Straße 35 gemeinsam mit ihrem damals zweijährigen Sohn den Mann von der Arbeit zurückerwartet, nicht mehr dazu, die Tagesschau zu Ende zu sehen. Aus der untersten Etage des Hauses sind Stimmen zu hören, die immer lauter werden. Die Auseinandersetzung wird immer heftiger, die Mutter horcht in den Flur hinaus, um zu hören was da los ist. Bis nach oben hört sie die Stimme von Monika Körtke durch die offene Wohnungstür, zögert, beeilt sich dann aber, schnell wieder nach oben zu ihrem Sohn zu kommen. Unten wird der Lärm immer stärker, lautes Poltern, Türenschlagen und dann sogar Schreie sind zu vernehmen. Als sie die ersten Hilferufe der Lehrerin hört, alarmiert sie sofort die Polizei und einen Nachbarn. Dieser geht hinaus und sieht, dass die Wohnungstür offen steht. Und noch schlimmer: Er sieht Blutspuren im Flur.

Mord_Tuer
Wohnungstür des Opfers


Anderen Aussagen zufolge schloss sich die Mutter mit dem Kind vor lauter Angst im Badezimmer ein und alarmierte nicht selbst die Polizei. Erst wesentlich später, als es schon längst wieder ruhig im Haus Nummer 35 geworden war und keine Schreie mehr zu hören waren, wagte der Nachbar nachzuschauen. Erst jetzt und wohl viel zu spät erfolgte der Notruf. „Zeugen melden sich oft nicht oder zögern, weil sie nicht sicher sind und Angst haben, dass etwas auf sie fallen könnte“, betont Prof. Dr. med. Lothar Adler, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Psychoanalyse und Ärztlicher Direktor im Ökumenischen Hainich Klinikum in Mühlhausen.
Wie es sich auch immer zugetragen hat, die Straßen sind fast menschenleer an diesem Sommerabend. Beim Verlassen des Hauses trifft der Nachbar auf die erste alarmierte Funkstreife, die in wenigen Sekunden vor Ort ist, da sie nur ein paar Straßen weiter unterwegs war. Die Beamten stürmen ins Haus und ihnen stockt der Atem. Der Streifenbesatzung bietet sich ein Bild, das sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen wird. Die ganze Wohnung voller Blut, der Flur, die Küche, Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Schlafzimmer. Hier muss ein grauenvoller Kampf stattgefunden haben, in der Küche liegt die blutüberströmte Leiche von Monika Körtke. Sie wurde mit über 40 Messerstichen in den Oberkörper bestialisch ermordet. 


Wie kann ein Mensch sein Opfer so „abschlachten“, fragen sich viele? „Während des Tötens bemerkt der Täter, wie schwierig es ist, einen Menschen zu töten. Er merkt, das Opfer atmet noch und wird fast wahnsinnig“, erklärt Psychiater Adler.
Die sofort eingeleitete Fahndung bleibt erfolglos, der Mörder hatte genügend Zeit, sich aus dem Staub zu machen. Gegen 21 Uhr donnert und blitzt es in der Ferne, doch das Gewitter zieht auch diesmal an Göttingen vorbei. Noch am selben Abend fahndet die Polizei nach einem Verdächtigen, der von einem Nachbarn gesehen wurde. Beschreibung nach Polizeiangaben etwa 25 bis 30 Jahre, männlich, dunkelblonde, kurze Haare, bekleidet mit einer dunklen Lederjacke, vermutlich eine Motorradjacke, dazu dunkle Hose.

Am Tag darauf feiert der Leitende Polizeidirektor Lothar Will sein 40-jähriges Dienstjubiläum. Es ist Donnerstag, der 1. August, doch viel zu feiern gibt es Am Steinsgraben nicht, es herrscht hektische Betriebsamkeit. Und Joachim Heger, der damalige Leiter der Mordkommission, erklärt gegenüber der Presse: „Wir haben nichts, absolut gar nichts!“ Eine Beziehungstat sei ebenso wenig auszuschließen wie ein „sexuell motiviertes Verbrechen“, dagegen gebe es offenbar keine Anzeichen für einen Raub- oder Ritualmord.
Ein paar Spuren gibt es in den darauf folgenden Tagen, Anrufer berichten, sie hätten am Tatabend zwischen 21 und 21.30 Uhr einen Mann im Hainholzweg gehört, der schluchzend „Ich habe sie umgebracht“ gerufen hätte. Am Dienstag, 6. August, um 9.50 Uhr erfolgt ein anonymer Anruf bei der Polizei. Der Anrufer sagt, er habe kurz nach der Tat einen Mann aus dem Haus Wilhelm-Weber-Straße 35 laufen sehen. Trotz mehrmaliger Aufrufe in der Presse meldet sich der Anrufer nie wieder.
Trotz einiger Hinweise tappt die Polizei im Dunkeln, konzentriert sich auf ein Notizbuch der Toten mit 120 Adressen. Die Namen werden systematisch durchforstet, viele Menschen werden befragt oder verhört. Ohne Ergebnis. Prof. Dr. Adler: „Polizeibeamte befragen oft zu fokussiert, sollten mehr das Umfeld des Opfers befragen und auch mal mit Schrot schießen.“ Ingesamt arbeiten sie „sehr tüchtig“ und „klären fast alle Morde auf“, so Adler weiter.


Knapp drei Wochen nach dem Mord setzen die Staatsanwaltschaft Göttingen und die Bezirksregierung Braunschweig eine Belohnung von 10 000 Mark für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Das Geld hat sich bis heute niemand abgeholt...
Auch die Tatwaffe, vermutlich ein Küchenmesser, konnte bis heute nicht gefunden werden. Benachbarte Grundstücke, Gärten und Mülltonnen wurden durchsucht, selbst Wochen später wurde die Umgebung noch einmal mit einem Spürhund abgesucht, doch die Tatwaffe ist bis heute nicht gefunden worden. Für die Hinterbliebenen ist der Gedanke nur schwer zu ertragen, dass der Täter noch frei herumläuft. Sie stellen sich noch heute viele Fragen, wie die ermittelnden Polizeibeamten auch. Auch konnte nie geklärt werden, wo sich Monika Körtke am 31. Juli zwischen 14.40 und 15.45 Uhr aufhielt.
Am Freitag, 9. August 1991, findet um 9 Uhr in der Friedhofskapelle am Junkernberg die Trauerfeier für Monika Körtke statt, Kollegen, Schüler und Freunde nehmen Abschied von der Lehrerin, die wenig später auf dem Friedhof in Hannover-Stöcken beigesetzt wird. „Dieses grausame Lebensende lässt nur tiefste Trauer, fassungsloses Entsetzen und große Hilflosigkeit zu“, heißt es in der Todesanzeige ihrer Familie. „Sie war eine hochqualifizierte und geschätzte Kollegin. Und sie war eine anspruchsvolle Lehrerin, die sich vielen Schülerinnen und Schülern weit über das übliche Maß hinaus zuwandte“, ist in einer weiteren Anzeige der Schulleitung des Hainberg-Gymnasiums zu lesen. Viele Kollegen haben noch heute einen guten Kontakt zu ihren Eltern in Hannover.

Mord_Grab


Wer war diese Monika Körtke?

 Sie wurde am 23. November 1950 in Berlin geboren, wenig später ihr jüngerer Bruder Fred. Die kleine Monika war ein aufgewecktes, hübsches und intelligentes Mädchen, Vater Heinz war erfolgreicher Ingenieur, da standen berufsbedingte Umzüge an. So machte Monika später ihr Abitur in Cuxhaven, studierte in Göttingen Lehramt Mathematik und Chemie. Nach dem Referendariat in Meppen führte ihr Weg zurück nach Göttingen ans Hainberg-Gymnasium, wo sie seit dem 1. August 1977 arbeitete. Sie lernte ihren Ehemann Heinz Körtke kennen, mit dem sie gemeinsam glückliche, aber auch schwere Jahre in Renshausen bei Krebeck erlebte. Dort bewohnten sie ein altes Gasthaus, Monika Körtke kümmerte sich um den Garten, widmete sich der Vogel-Fotografie und ihrer Leidenschaft, dem Nähen und Stricken. Die Nachfrage nach ihren wunderschönen Patchwork-Decken war groß. Das Glück wurde jäh zerstört, als ihr Mann plötzlich unheilbar an Krebs erkrankte. Sie pflegte ihn während seines langen Sterbens aufopferungsvoll bis zu seinem Tod Mitte Januar 1986. Später zog sie nach Göttingen in die Wilhelm-Weber-Straße. Nach einem schweren Fahrrad-Unfall Jahre später musste sie monatelang pausieren, am 1. August 1991 wollte die junge Witwe gerade wieder in den aktiven Schuldienst zurückkehren.
„Sie war eine hochbegabte und zielstrebige Frau. Was sie plante, zog sie auch durch, halbe Sachen gab es für sie nicht“, erinnert sich ein Kollege. Und sie war eine attraktive Frau, die das Leben und die Männer liebte: „Da war sie als Frau ihrer Zeit weit voraus“, ergänzt eine Kollegin. Monika Körtke gab auch schon mal Bekanntschaftsanzeigen auf, ein anderes Mal stand sie für einen Bekannten für Aktfotos vor der Kamera. Geliebt hat sie auch schnelle Autos: „Da hat sie sich dann schon mal morgens um 4 oder 5 Uhr in ihren BMW gesetzt, ist nach Cuxhaven hochgedüst und hat sich einen Tag an den Strand gelegt“, erinnert sich ein Nachbar.
Aber es gab auch die andere Seite der Monika Körtke. Sie war in ihrer Stimmung sehr schwankend, manchmal voller Minderwertigkeitskomplexe: „Keiner will mich, keiner liebt mich“, sie war immer auf der Suche nach der großen Liebe, erinnert sich eine Kollegin. Die glaubte sie gefunden zu haben. Seit gut zwei Jahren war sie mit einem Mann liiert, ein in der Stadt angesehener und bekannter Bürger. Der war allerdings verheiratet, hatte schon ein Kind und gestand ihr Wochen vor ihrem Tod, dass seine Frau erneut schwanger sei. Eine Welt brach für Monika Körtke zusammen. Immer nur die Geliebte, er hatte nur wenig Zeit für sie, oft nur einmal in der Woche, meistens am Donnerstag bei ihr zu Hause, aber gelegentlich auch bei ihm.
Die Polizei Göttingen wertet das „Tötungsdelikt Körtke“ immer noch als ungeklärten Mordfall. Ein Mordfall, der auch nach 16 Jahren nicht zu den Akten gelegt wird: „In enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft wurden auch in den letzten Jahren konkrete Ermittlungen durchgeführt. Diese aktuell anhängigen Ermittlungen stehen unter anderem auch im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen in der Kriminaltechnik“, erklärt Kriminaldirektor Volker Warnecke, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes und stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Göttingen. Detailliertere Angaben könnten zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Ermittlungen nicht erfolgen, doch würden Ermittungen in ungeklärten Tötungsdelikten ganz nach dem Grundsatz „Mord verjährt nie“ niemals eingestellt werden. Warnecke: „Solange Ermittlungsansätze vorliegen oder neue entstehen, werden die Ermittlungen durch die Mitarbeiter des zuständigen Fachkommissariates fortgeführt.“ 


Hinweise nimmt die Polizei jederzeit unter 05 51 / 491 10 12 entgegen. 


Und jeder Täter sendet schließlich auch Jahre nach der Tat noch Signale, sagt Prof. Adler. „Der Täter gibt gegenüber seiner Umwelt Äußerungen und Hinweise ab, die aber nicht Ernst genommen werden und einfach als Quatsch abgetan werden“, so der Psychiater.
Am Freitag wäre Monika Körtke 57 Jahre alt geworden...!

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