Mittwoch, 5. Juni 2013

MORD IN BABENHAUSEN

"Mein Mann ist unschuldig" 

Anja Darsow kämpft um die Freilassung ihres Mannes. Er ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er eine Familie im Nachbarhaus kaltblütig ausgelöscht haben soll.

Ich möchte auch nun über diesen Fall berichten, denn ich schon lange beobachte. Jeder soll sich sein eigenes Urteil bilden. Es gibt viele Sachen, die gegen Ihren Mann als Mörder sprechen, aber wiederum gibt es auch Indizien, die ihn belasten. Man ist hin und her gerissen...aber lest selber:



Anja Darsow hält ihren Mann für unschuldig. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Anja Darsows Albtraum beginnt am 18. April 2009. Sie ist zu Besuch bei einem Familienfest in Mecklenburg-Vorpommern, als der Anruf kommt, der ihr Leben aus der Bahn werfen wird. Sie bleibt nur vier Tage, hat die Kinder mit in ihre ehemalige Heimat genommen. Ihr Mann Andreas hat keinen Urlaub bekommen. Wäre sie nicht gefahren, vielleicht wäre alles anders gekommen, denkt Anja Darsow manchmal. Dann hätte sie ihrem Mann ein Alibi gegeben.

Doch er war allein, ruft sie am 18. April an, um ihr von der schrecklichen Bluttat im Nachbarhaus zu berichten, an die sich viele Menschen in Babenhausen auch heute noch erinnern.
Schüsse in Kopf, Brust und Hals

Für die Justiz ist zwei Jahre später nach einem fünf Monate langen spektakulären Indizienprozess der Fall klar: Andreas Darsow hat am frühen Morgen des 17. April 2009 Familie T. aus dem Nachbarhaus kaltblütig ausgelöscht – mit „absolutem Vernichtungswillen“ wie es der Vorsitzende Richter Volker Wagner damals formulierte.

Andreas Darsow, so das Ergebnis der Verhandlung, lauert dem damals 62-jährigen Immobilienmakler Klaus T. vor der Kellertür auf, schießt ihn in Hand, Nase, Brust, Arm und Hals, sechs Schüsse insgesamt. Dann geht er ins Schlafzimmer im ersten Stock des Wohnhauses und tötet die schlafende Ehefrau Petra T. mit zwei Schüssen.

Anschließend schießt er der 37-jährigen Tochter Astrid, die im zweiten Stock schläft, ebenfalls in den Kopf. Er nimmt an, dass auch sie tot ist, und verlässt das Haus. Astrid T., die Autistin ist, überlebt, kauert stundenlang schwerverletzt im Garten, bevor sie am nächsten Tag von Passanten gefunden wird. Dass sie nicht verblutet, grenzt an ein medizinisches Wunder.

Beweise gibt es nicht, keine DNA-Spuren, keine Zeugen trotz hoher Belohnung, die Tatwaffe wurde nie gefunden. Das Landgericht Darmstadt verurteilt Andreas Darsow am 18. Juli 2011 wegen Mordes in zwei Fällen sowie versuchten Mordes zu lebenslanger Haft. Wegen besonderer Schwere der Schuld ist eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen. Die Revision wird ein Jahr später vom zweiten Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe verworfen. Die Nachprüfung des Urteils habe keine Rechtsfehler zu Lasten des Angeklagten ergeben, heißt es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Das Urteil ist rechtskräftig.

Anja Darsow sitzt am Esstisch ihres Reihenhauses, in dem seit dem Urteil das Leben weitergehen muss, eine zierliche Frau mit langen blonden Haaren und viel Energie, die nur ein wenig müde wirkt. Die 36-Jährige hat einen Vollzeitjob als Empfangschefin in einem Hotel in Babenhausen, erzieht drei Kinder allein, 13, elf und drei Jahre alt. „Es muss ja irgendwie funktionieren“, sagt sie. Sie fährt die Kinder zum Sport, Baseball und Leichtathletik. Früher war ihr Mann bei den Spielen dabei, trainierte die Jugendgruppe, beide arbeiteten im Elternbeirat.
Alle glauben an die Unschuld

Anja Darsow erzählt von einem ganz normalen Familienleben. Seit 1995 sind sie verheiratet, hatten eine Eigentumswohnung, bis sie 1999 in das Reihenhaus in Babenhausen einzogen. Die Ehe sei gut gewesen. Alle zwei Wochen fährt Anja Darsow in die Justizvollzugsanstalt nach Weiterstadt, in der ihr Mann einsitzt – für eine Stunde Besuchszeit. Zwei Kinder dürfen mit, sie wechseln sich ab, vier weitere Gefangene mit ihrem Besuch sind im Raum.

Der Jüngste kennt seinen Vater nicht anders – er war ein Baby, als Andreas Darsow verhaftet wurde. Er glaubt wie seine Familie, Geschwister, Mutter, Oma und Opa, Freunde und Nachbarn, dass sein Vater unschuldig ist.

Wie erklärt eine Mutter ihren Kindern, dass er trotzdem im Gefängnis sitzt? „Menschen machen Fehler“, sagt sie, „darüber rede ich mit ihnen. Ich habe keinen Hass, aber es ist eine Tatsache, dass immer wieder Justizirrtümer passieren. Ich habe nur nie geglaubt, dass man dann keine Chance mehr hat“, sagt sie. Das klingt nüchtern, die großen Gefühle, die Wut, der Schock, die Trauer nach dem Urteil sind abgeklungen.

Anja Darsow blickt jetzt nur nach vorn: „Mein Mann ist unschuldig.“ So hat sie ihren Kampf um seine Freilassung überschrieben, der auf einer Internetseite dokumentiert ist. 1000 Unterschriften hat sie für eine Petition gesammelt, die an den hessischen Landtag ging. Sie wirbt an Infoständen, hat an den hessischen Justizminister und den Bundespräsidenten geschrieben.

Unermüdlich erzählt sie ihre Geschichte, die als spannender Plot für ein Justizdrama taugen würde. Sie schildert Abhöraktionen in der Wohnung und im Auto, die nichts Belastendes ergaben, die Verhaftung, bei der die kleine Tochter auf dem Rücksitz saß, während dem Vater mit vorgehaltener Pistole Handschellen angelegt wurden. Sie berichtet von Geldproblemen, Ängsten und möglichen Verbindungen des Opfers ins Rockermilieu – Hinweise, die nie weiterverfolgt worden seien. Und manchen Unbeteiligten erscheint ihre Version glaubwürdig.
Jahrelanger, aufgestauter Hass

Einer von ihnen ist Christoph Kemp, leitender Angestellter im technischen Kundendienst aus Babenhausen, der sich noch gut an die Verhandlungstage erinnern kann. Er verfolgte den Prozess, „zunächst aus Neugier“, wie er sagt: „Nach Abschluss der Beweisaufnahme war ich zu 100 Prozent überzeugt, dass der Mann freikommt.“ Das Urteil habe ihn „total schockiert“. „Ich wollte der Familie helfen“, sagt er. Der 47-Jährige ist Mitglied in dem eigens für den Fall gegründeten Verein Monte Christo, der an einen Justizirrtum glaubt und inzwischen 50 Mitglieder hat. Kemp kritisiert einseitige Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft, die sich von Anfang an auf Andreas Darsow als Täter konzentriert hätten. Die Ermittler, sagt er, hätten unter Druck gestanden, einen Täter zu präsentieren.

Für die Justiz ist der Fall abgeschlossen. „Wir äußern uns zu solchen Vorwürfen nicht“, sagt Sebastian Zwiebel, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Und Andrea Löb, Pressesprecherin der Polizei in Darmstadt, sagt: „Die Verurteilung von Andreas Darsow ist das Ergebnis einer Hauptverhandlung, der Bundesgerichtshof hat das Urteil bestätigt, zu Einzelheiten können wir nichts sagen.“

Der Blick aus Anja Darsows Wohnzimmer fällt in den Garten, eine kleine Grünfläche, man kann zu den neuen Nachbarn hinüberschauen, die in das Haus von Klaus T. eingezogen sind. Eine Thujahecke trennt die schmalen Rasenflächen. Hat sie nie daran gezweifelt, dass sich in ihrem Mann jahrelanger Hass aufgestaut haben könnte, nie Abgründe für möglich gehalten, die er vor ihr verborgen hielt? „Absoluter Blödsinn“, sagt Anja Darsow, „er hatte kein Motiv“.

Das sah das Gericht anders. Das Urteil nennt die jahrzehntelange quälende Lärmbelästigung, die von Familie T. ausgegangen sein soll. Nach Zeugenaussagen hat sich das Ehepaar immer wieder lautstark gezankt, die Tochter habe oft spitze Schreie ausgestoßen, „wie ein Tier“, sagte der Vorsitzende Richter Wagner in der Urteilsbegründung. Diesen Lärm habe der Angeklagte als unerträglich empfunden, Familie T. habe er nicht vertreiben können, und die Suche nach einer anderen Wohnung sei fehlgeschlagen. Andreas Darsow habe deswegen das „Problem“ auf seine Weise gelöst.
Spuren beseitigt

Neben Familie Darsow, auf der anderen Seite des Hauses, in dem die Morde geschahen, wohnt Falk Zappe. Wie die Darsows ist er mit seiner Familie 1999 in das Reihenhaus eingezogen, die Kinder spielen seit Jahren zusammen. „Das Motiv Ruhestörung war nicht da“, sagt er, „ich habe das ausgesagt, aber es wurde nicht berücksichtigt“. Zappe ist Mitglied im Unterstützer-Verein. Wie Darsow und die anderen Nachbarn auch, hat er nach der Tat Geruchsproben abgegeben. Ein speziell ausgebildeter Polizeihund hatte keine davon im Haus der Ermordeten aufgespürt.

Das entlastete Andreas Darsow nicht. Die Indizien hätten ein rundes Bild ergeben, führte der Richter in der Urteilsbegründung aus. Andreas Darsow habe sich über einen Firmencomputer eine Bauanleitung für einen Schalldämpfer herausgesucht und den PC später zerstört, um Spuren zu beseitigen.

Außerdem habe er sich über DNA-Beweise und Spürhundeinsatz informiert. Schwer wogen auch Schmauchspuren an Kleidungsstücken und Gegenständen, die Polizisten im Haus der Darsows fanden. In ihrer Zusammensetzung stimmten sie mit der bei den Morden verwendeten Munition überein, nach Ansicht des Gerichts soll Andreas Darsow die Sachen getragen haben, als er mit dem Schalldämpfer das Schießen übte.

In den USA, sagt Anja Darsow, seien Schmauchpartikel längst nicht mehr als Beweis zugelassen. Die alte Bundeswehrhose habe ihr Mann seit Jahren nicht getragen. „Sämtliche Indizien wurden zu Lasten des Angeklagten ausgelegt“, sagt Christoph Lang, einer der beiden damaligen Verteidiger. Darsow arbeitete als Einkäufer einer Baufirma. Kollegen, so argumentierte die Verteidigung im Prozess, hätten ebenfalls Zugriff auf seinen Rechner gehabt.
Prominente Unterstützung

Im Zuge der Ermittlungen, sagt Lang, hätten Beamte des Landeskriminalamtes sogar versucht, nach der belastenden Anleitung einen Schalldämpfer zu bauen und zu schießen. Das habe nicht funktioniert. „Dazu findet sich aber im Urteil nichts“, sagt Lang.
Ob über solche Argumente nochmal verhandelt wird, ist fraglich. Das Petitionsgesuch mit 1000 Unterschriften, das Anja Darsow einreichte, hat keine rechtliche Wirkung. Für ein Wiederaufnahmeverfahren gelten sehr hohe Hürden. In Andreas Darsows Fall wäre das Landgericht Kassel zuständig. „Es ist äußerst selten, dass Wiederaufnahmeanträge Erfolg haben“, sagt der dortige Pressesprecher Dirk Liebermann.

Für Anja Darsow gibt es trotzdem keinen anderen Weg. Sie hat prominente Unterstützung engagiert. Rechtsanwalt Gerhard Strate, Spezialist für Wiederaufnahmeverfahren in Deutschland, wird den Fall ihres Mannes übernehmen. Er vertritt derzeit auch Gustl Mollath in dessen Wiederaufnahmeantrag. Der Ingenieur ist im Zusammenhang mit Schwarzgeld-Beschuldigungen gegen seine Ehefrau seit Jahren in der forensischen Psychiatrie untergebracht.

Strate hat bisher drei Wiederaufnahmeverfahren von Schwurgerichtsfällen erreicht, darunter in den 1990er Jahren im Fall Monika Böttcher, geschiedene Weimar, die 1988 in einen Indizienprozess wegen der Ermordung ihrer Kinder zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.
„Ich habe das Gefühl, dass mit dem Urteil im Fall Darsow etwas nicht stimmt, deswegen werde ich die Sache übernehmen“, sagt Strate. Anja Darsow macht das Mut. Sie hofft noch immer, dass ihr Albtraum eines Tages aufhören wird.

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