Mittwoch, 7. Juli 2010

GREVENBROICH: Ungeklärter Mord zum Nachteil von Claudia Ruf

Ungeklärter Mordfall lässt der Polizei keine Ruhe

Bildergebnis für claudia ruf



Die Morde an den Geschwistern Tom (11) und Sonja (9) aus Eschweiler haben eine bedrückende Parallele in der Vergangenheit. Unterstützt von Profilern des Landeskriminalamtes (LKA) in Düsseldorf versuchen 80 Fahnder aus Aachen, Bonn, Düren und Heinsberg, ein Puzzle zu fügen, das zum Täter führt. Einige der Stücke sind neun Jahre alt: Am 13. Mai 1996 wurde neben einem Feldweg am Niederrhein die Leiche der elfjährigen Claudia Ruf aus Grevenbroich gefunden. Bislang führten alle Spuren ins Nichts, indes: Mit Tom und Sonja ist der ungeklärte Mord wieder aktuell geworden.


160 Aktenordner belegen die akribische Arbeit der Mordkommission. An einer Wand im Bonner Polizeipräsidium hängen Fotos, Phantomzeichnungen, Fahndungsplakate und Landkarten. Kriminal-Hauptkommissar Andreas Müller (40) hat inzwischen die Dienststelle gewechselt - er recherchiert im Sachgebiet "Operative Fallanalyse" des LKA - aber der Fall Claudia hat den Ermittler eingeholt. "Notfalls", hatte er sich vor der Versetzung versprochen, "geht dieser Fall mit mir in Pension."

Claudia Ruf war elf Jahre jung, als sie sexuell missbraucht und umgebracht wurde - einer von 1184 Morden, die 1996 in Deutschland registriert wurden. Der Fall Claudia war für den Ersten Kriminal-Hauptkommissar Rolf Müller stets mehr als eine statistische Größe. Der Chef des Kommissariats 11/13 im Bonner Polizeipräsidium, inzwischen pensioniert, weiß: "Wir haben im Jahresdurchschnitt etwa 350 Todesfälle; am Ende von jeweils 15 Ermittlungen steht ein Fall von Mord und Totschlag. Aber kein Fall war so mysteriös wie der Mord an diesem Mädchen."

Rolf Müller war Leiter einer der sieben Mordkommissionen der Kriminalhauptstelle Bonn, zuständig für ein 600 Quadratkilometer großes Gebiet mit 500 000 Menschen zwischen dem Bergischen Land und der belgischen Grenze. Fünf Gruppen mit je drei Beamten wechselten einander im Fünf-Wochen-Turnus bei Schichtarbeit und Rufbereitschaft ab, als es geschah: Müller "biss gerade in ein Brötchen", als die Kriminalwache anrief: "Wir haben eine Kinderleiche."

Der "große Müller" alarmierte den Rest seines Teams, einen Erkennungsdienstler und den Tatort-Experten Andreas Müller, den die Kollegen den "kleinen Müller" nannten. Neben einem Feldweg in Euskirchen-Oberwinterich lag ein totes Mädchen, nackt und angekohlt.

Die Bonner Mordkommission wurde auf 17 Beamte aus verschiedenen Kommissariaten aufgestockt. Rolf Müller koordinierte die Recherchen der "Soko Ruf" und der parallelen Ermittlungsgruppe aus 21 Beamten, die sein Kollege Heinz Erpenbach im nahen Neuss leitete. Erpenbach, Erster Kriminal-Hauptkommissar, ist inzwischen Leiter des LKA-Sachgebiets "Operative Fallanalyse".

Ein Bonner Kriminalmediziner erkannte als Todesursache des Kindes "schwere Gewalteinwirkungen im Halsbereich" und deutete die Leichenflecken. Danach war der Fundort nicht der Tatort: Die Tote, die am Feldweg auf dem Bauch lag, war, auf dem Rücken liegend, zum Feldweg transportiert worden. Die Polizei verschweigt bis heute aus taktischen Gründen, ob Claudia erdrosselt oder erwürgt worden ist. Rolf Müller: "Das weiß außer uns nur der Täter. Und wenn wir ihn kriegen, wollen wir es von ihm hören." Schließlich gebe es "kriminaltechnische Möglichkeiten im Grenzbereich" - und konserviertes DNA-Material.

Der Zeitpunkt des Todes von Claudia blieb vage. Die Mordkommission war sicher: "Der Mörder hat das Mädchen mehrere Stunden festgehalten, bevor er es umbrachte."

Die "Soko Ruf" verdichtete Hinweise und eigene Ermittlungen aus alten Fallakten zu rund 3500 Spuren. Sie überprüfte 8500 Personen und untersuchte 2000 Autos. Die Beamten verglichen Sexualmorde im Emsland, Bayern und Westfalen auf mögliche Übereinstimmungen. Fahnder reisten nach Belgien, wo die bizarren Kindermorde des Marc Dutroux entdeckt worden waren.

Die "Soko Ruf" ging einen neuen Weg bei der Fahndung: Sie kaufte in Geschäften und bei den Herstellern die Sachen nach, die das Mädchen zuletzt getragen hatte - eine dunkelblaue Kapuzenjacke mit Streifen, schwarze Jeans, karierte Leinensportschuhe der Größe 36. Die Beamten bekleideten damit eine 145 Zentimeter große Schaufensterpuppe, montierten den Kopf des Kindes von einem farbigen Urlaubsfoto darauf und klebten 36 000 Fahndungsplakate an Gebäude, Bussen und Bahnen. Ohne Erfolg.

Bis zum Jahresende 1996 wurde in Neuss 24 000 und in Bonn 16 775 Stunden lang ermittelt; in Neuss wurden 6500 und in Bonn 4742 Überstunden aufgeschrieben. Und Andreas Müller, den der ungeklärte Mordfall nach zwei neuen, ungeklärten Morden eingeholt hat, sinnierte: "Vielleicht gibt es das perfekte Verbrechen ja doch..."


Hinweise bitte an jede Polizeidienststelle

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